Sentiment

Seit dem vorherigen, wegen des Feiertages bereits zwei Wochen zurückliegenden, Sentimentbericht ist zweifellos eine ganze Menge geschehen: Allerhand neue Wirtschaftsdaten dies- und jenseits des Atlantiks, eine Entscheidung der Europäischen Zentralbank, das Zinsniveau vorerst unverändert zu belassen sowie Wahlen zum US-Kongress. Und nicht zu vergessen die neuen Höchstkurse, die der deutsche Leitindex DAX® in jüngster Vergangenheit erklomm. Gestern wurde der höchste Stand seit Februar 2001 markiert.

Den Kursen wollte es allerdings erst mit Beginn dieser Handelswoche gelingen, nachhaltiger vom Fleck zu kommen. Zuvor gab es zunächst einige Rückschläge zu verkraften; insbesondere am Tag des EZB-Zinsentscheids, an dem die Notierungen binnen Minuten kräftig absackten. Angeblich wegen des 'hawkischen' Tonfalls von Notenbankchef Trichet, der – wie immer durch die Blume – einen weiteren Zinsschritt im Dezember angekündigt hatte. Die fast 100 Zähler, die der DAX an jenem 2. November verlor, mussten in den Folgetagen erst einmal wieder gutgemacht werden. Derweil fiel die Reaktion der befragten Teilnehmer unseres Panels eher gedämpft aus. Im 14-Tages-Vergleich ergibt sich ein leicht erhöhter Gesamtoptimismus, wobei insbesondere das Camp der neutral positionierten Anleger zulasten des Bärenlagers hinzugewann. Gut denkbar, dass einige Skeptiker den besagten Kurs-Dip nach der Stellungnahme Trichets zur Eindeckung ihrer Short-Positionen auf verhältnismäßig günstigem Niveau nutzten.

Welche Argumente hätte man auch gehabt, weiterhin an einer bearishen Sicht der Dinge festzuhalten? Schließlich hatten sich die fortgesetzten Spekulationen rund um eine 'harte Landung' der US-Wirtschaft nicht wirklich in den amerikanischen Aktienindizes niedergeschlagen. Kein Anlass also, sich hierzulande davon kirre machen zu lassen, zumal dem eingetrübten Szenario in Amerika eine recht robuste Entwicklung der hiesigen Wirtschaftslage gegenüberstand. Eingefleischte Konjunktur-Optimisten schrieben Europa sogar „Abkopplungstendenzen“, bzw. eine gewisse „konjunkturelle Eigendynamik“ zu. Dass sich die EU-Kommission oder die deutschen Wirtschaftsweisen optimistisch für das kommende Jahr zeigen, mag dem einen oder anderen Investor dabei als Beleg dienen. Auch mit der sich abzeichnenden Patt-Situation im US-Kongress könne man sehr gut leben, hieß es. Denn aus einer zu erwartenden Lähmung der US-Politik ergebe sich zumindest ein verlässliches Geschäftsumfeld, so dass Sorgenfalten fehl am Platze seien. Bleibt der Verweis auf eine bislang zufrieden stellend verlaufene DAX-Berichtssaison, die langsam auf ihren Höhepunkt zusteuert. Auch darin könnten ein paar Pessimisten einen Grund zum Umdenken gesucht haben. Richtig überzeugend klingen all diese vermeintlichen Positiv-Argumente trotzdem nicht. Zumindest sind sie alles andere als neu.

Die Marschrichtung der Anleger ist somit klar, was allein die seit Wochen unverändert hohe Zahl an Optimisten signalisiert: Bestehende Long-Positionen hält man angesichts des offenkundigen Aufwärtstrends weiter aufrecht, d.h. an Gewinnmitnahmen denken vorerst die Wenigsten. Demgegenüber versucht man selbst kleine Kurs-Abtaucher zu nutzen, um zu vermeintlich günstigen Konditionen doch noch in den Markt zu gelangen. Für Viele stellt sich somit weniger die Frage danach, ob, sondern vielmehr was sie noch kaufen sollen.

10.11.06 03:40

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